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Newsletter vom 20.05.2003, 10:17 UhrZukunft Druckindustrie
Sternstunde wird zur SchicksalsstundeDruck-Szene trifft sich und feiert 100 Jahre HDM Hochschule der Medien
in Stuttgart
Ein persönlicher Erlebnisbericht von Andreas Weber, Mainz
Das Foyer war voll. Der HDM-Rektor Prof. Dr. Uwe Schlegel konnte sich
freuen: Die Elite der Druckindustrie hatte sich am 19. Mai 2003
eingefunden. Drei echte Vorstandschefs und Maschinenbauer sitzen auf
dem Podium. Hunderte Studenten, Ehemalige, Branchenvertreter und VIPs
sitzen im Auditorium. Diskutiert wird „100 Jahre Medien – Bildung mit
Zukunft". Das Eingangsstatement lässt aufhorchen: Drucken werde nie so
einfach wie Hamburger herstellen im Fast Food-Betrieb, heißt es vom
KBA-Chef und Drupa-Präsidenten Albrecht Bolza-Schünemann. Im nächsten
Atemzug wird der Gründer und Eigner von H&M (einem Weltmeister im Fast
Fashion-Business) als Vorbild zitiert, der unter anderem seine
Führungskompetenz unter Beweis stellt, in dem er gesagt haben soll:
"Reduzieren Sie Papierkram auf ein Minimum." – Hoppla, was sollen denn
da die Drucker sagen? Die Leben doch vom Papierkram! – Apropos, wir
durchleben einen heftigen Strukturwandel, hervorgerufen durch
Technik-Entwicklung, Konjunktur- und Werbekrise, so der KBA- Chef
weiter.
Print macht Spaß, machte Gerd Finkbeiner als ein waschechter HDM-
Stuttgart-Absolvent sich und den anderen Mut. Er berichtete kundig von
Spannungsfeldern, die sich durch Wissensübergänge ergeben. Fach- und
Allgemeinbildung sind fließend. MAN-Roland-Chef Finkbeiner (inzwischen
HDM-Honorar-Professor) entwirft als Leitbild für die Ausbildung den
"authentischen, international agierenden Projektmanager mit
interkulturellen Fertigkeiten". Das sitzt. Und passt, wie Rektor
Schlegel ergänzt, da man an der HDM eine deutsch-chinesische
Gemeinschaftsausbildung anbiete. Und Professor Finkbeiner legt noch
nach: MAN Roland wolle künftig Absolventen der HDM als Trainees
aufnehmen.
Neue Technologien weichen Schnittstellen auf, weiß Heidelberg-Chef
Bernhard Schreier zu berichten. Es gelte, komplexe Prozesse und den
Mix bei der Abwicklung von Print-Produktionen zu bewältigen. Der
Marktführer gibt sich schlagfertig und unerschrocken ("HDM steht nicht
nur für Hochschule der Medien, sondern auch für Heidelberger
Druckmaschinen"). Schreier regt an, das Verständnis für die
Prozesskette im Zentrum der Weiterbildung zu stellen. Ansonsten ist er
sich, wie die anderen auch, ganz sicher, dass man die schweren Zeiten
packen werde. Die Druckindustrie sei in den letzten Jahrzehnten immer
wieder schwer gebeutelt worden und habe sich dennoch behauptet, lautet
der Konsens.
Das gibt angesichts von Stellenabbau (rund 5.000 alleine bei den drei
größten Druckmaschinenbauern) und dramatischem Rückgang im
Auftragseingang von rund einem Drittel wieder Hoffnung, oder? Die Drupa
2004 muss es halt richten, wird manch einer denken. Also einfach noch
ein Jahr durchhalten und fleißig Kosten sparen.
Übrigens: Einer Aufforderung von Gerd Finkbeiner kam der
Gesprächsmoderator Bernhard Niemela beim Abarbeiten seiner Frageliste
nicht nach. Finkbeiner merkte an, er würde dem Gespräch gerne
Zündstoff geben, und sagte: "Sein wir doch mal ehrlich. Wir geben im
Druckmaschinenbau viel Geld für Marktforschung aus und haben dennoch
keine Ahnung, wie die Printprodukte der Zukunft aussehen". Er sprach
von einem Blindflug in der Entwicklung, in der Hoffnung, dass es
gelingen möge, auf der Drupa die neuen Produkte und Lösungen dann
erfolgreich zu verkaufen. Finkbeiner appellierte, aktiv den Nutzen von
Drucksachen und ihren Stellenwert zu diskutieren. Übrigens hat keiner
der Podiumsteilnehmer den Digitaldruck namentlich erwähnt. Steht dieses
auf der Drupa 2000 gepriesene Zukunftsgeschäft nicht mehr auf der
Agenda der Druckmaschinenbauer?
Am Ende einer überlängten Diskussionsrunde, bei der das Publikum nicht
recht zu Wort kam, kommt mir meine Mutter in den Sinn. Was die wohl in
Anbetracht von Zukunft und Weiterbildung den Herren auf dem Podium
gesagt hätte? Meine Mutter wird demnächst nicht 100, wie die HDM, aber
immerhin 70 Jahre alt. Sie nutzt ihr Fast-Food-PC-und Drucker-
Equipment von Aldi, um exzellent farbig zu drucken (mit
Colormanagement!). Perfekter Druck, fotorealistisch auf Papier, mit
einem Mausklick hergestellt. Als sie zum Jahresanfang ihren
Internet-Anschluss bekam und lernte, wie man Suchmaschinen bedient,
hat sie ihre drei Zeitungsabonnements gekündigt. "Was mich
interessiert, kann ich doch aus dem Internet selbst drucken! Es sieht
bei mir auf schönem, weißem Papier auch viel besser aus als in der
Zeitung", höre ich sie lachend sagen. Na ja, denke ich, dafür kann sie
halt keine Hamburger braten.
Epilog
Die Aufforderung von Bernhard Schreier, man müsse Verständnis für die
Prozesskette entwickeln, haben die Kollegen von Hewlett-Packard bereits
umgesetzt. Fast zeitgleich mit der Veranstaltung in Stuttgart geben
sie bekannt, die komplette IT-Struktur von Procter&Gamble zu
übernehmen. HP will den gesamten produktionstechnischen
Kommunikationsprozess beim größten Werbungtreibenden der Welt zentral
organisieren. Gemäß der HP-Doktrin "increase digital page volume" und
"distribute and print" wird künftig nur noch digital gedruckt.
Angesichts der weiten Angebotspalette von HP im Drucker- und
Drucksystembereich mit Indigo ist zu erwarten, dass für Drucker, die
kein HP-Equipment nutzen, ein enormes Potenzial und reales
Auftragsvolumen wegfällt, das von Procter&Gamble nicht mehr an den
"klassischen" Druck vergeben wird.

