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Newsletter vom 12.12.2003, 10:18 Uhr

Nachgehakt: Heidelberg und Digitaldruck

Noch kein Land in Sicht!

Von Andreas Weber
Sprecher DigitaldruckForum

Die vor zwei Wochen verkündete Neuausrichtung von Heidelberger
Druckmaschinen hat hohe Wellen geschlagen. Den Kritikpunkten des
DigitaldruckForum und seiner Teilnehmer (vgl.
www.digitaldruck-forum.org/content/newsl...74946.html)
setzte das Unternehmen ein eindeutiges Bekenntnis entgegen: "Seien Sie
versichert, Heidelberg wird sich niemals vom Digitaldruck
verabschieden", versicherte uns Heidelberg Technologie- und
Marketing-Vorstand Dr. Klaus Spiegel.

Gleichzeitig ist offen, wie die Verhandlungen mit Kodak über das
Nexpress-Joint Venture ausgehen werden. Diese Ungewissheit schürt
Emotionen und mitunter Ärger bei Heidelberg-Kunden und Mitarbeitern.
"Die Frage drängt sich auf: Weshalb hat Heidelberg die Diskussion um
seine veränderte Digitaldruck-Strategie überhaupt losgetreten, bevor
der Vorstand wusste, was möglich ist und was nicht? Das geschah doch
ohne Not!", klagt ein prominenter Heidelberg-Kunde.

Fatal ist: Nexpress-Anwender müssen sich momentan massiver Attacken des
Wettbewerbs erwehren, der mit harten, teilweise unfairen Bandagen
kämpft. Digitaldruck-Kollegen verunglimpfen Nexpress-Anwender als
Verlierer und Heidelberg-Konkurrenten wollen Nexpress-Systeme mit
horrenden Summen ablösen und so aus dem Markt fegen. Sind diese
Frontalangriffe erfolgreich, könnte die Nexpress-Kundenplattform
schrumpfen, ein Effekt, den ein ins Stocken geratendes Neugeschäft
nicht ausgleichen könnte. Dies offenbart ein echtes Dilemma: Das
Nexpress-Geschäft hatte in den letzten 12 Monaten angezogen und sich
weit besser als der Offsetmarkt entwickelt! Stabilität der Systeme und
Druckqualität scheinen zu stimmen.

Schwierig ist einzuschätzen, ob der Versuch gelingt, dass Heidelberg
nach dem wahrscheinlichen Ausstieg als Anteilseigner bei Nexpress im
Digitaldruck nur noch Vertrieb und Service betreibt. Heidelberg-Chef
Bernhard Schreier äußerte sich im Interview mit dem DigitaldruckForum
zuversichtlich.

DIGITALDRUCKFORUM: Die Aussagen über Heidelberg und Digitaldruck sind
nach wie vor widersprüchlich. Einerseits brechen Sie laut Pressemeldung
"eine Lanze für den Digitaldruck", andererseits sagen Sie, Sie werden
keine Investitionsmittel für den Digitaldruck mehr bereitstellen. Wie
passt das zusammen?

BERNHARD SCHREIER: Wir sehen bei der künftigen Ausrichtung von
Heidelberg im Bezug auf den Digitaldruck in unseren Aussagen keinen
Widerspruch. Ich habe verdeutlicht, dass aufgrund der Marktentwicklung
in dem von uns besetzten Segment die erwarteten und prognostizierten
Zuwachsraten nicht eingetreten sind. Daher sehen wir unser Engagement
im Digitaldruck nicht in der Kombination aus Produktion und Vertrieb,
sondern zukünftig mehr im Vertrieb. Und wir stellen uns vor, dann auch
das Portfolio für unsere Kunden verbreitern zu können.

DIGITALDRUCKFORUM: Sind nicht gerade Vertrieb und Service maßgeblich
dafür verantwortlich, dass Heidelberg in die Schieflage geraten ist, da
man das Produkt- und Lösungsangebot von Heidelberg nicht im Markt
umsetzen konnte?

BERNHARD SCHREIER: Diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Gerade mit
unserer weltweiten Präsenz - wir sind in rund 170 Ländern vertreten -
können wir uns einen umfassenden Überblick verschaffen, welche
Bedürfnisse in der grafischen Industrie abgedeckt werden müssen. Wir
kennen unsere Kunden aus ständigen direkten Kontakten und deren Wünsche
fließen bei uns in die Entwicklung neuer Produkte ein. Kontinuierlich
führen wir in aller Welt Konzeptkunden-Tiefenbefragungen durch.

DIGITALDRUCKFORUM: Warum werden Hybrid-Anwendungen (Offset/Inkjet,
Offset/Tonerdruck) nicht forciert? Hier liegt doch für die klassische
Druckindustrie ein großes Potenzial auf dem Weg in die Zukunft.

BERNHARD SCHREIER: Zum Thema Hybrid-Anwendungen sind wir auf einem
guten Weg und über die Fortschritte in diesem Bereich werden wir dann
berichten, wenn es sinnvolle Umsetzungen für unsere Kunden geben wird.


DIGITALDRUCKFORUM: Sie hoffen auf eine Belebung der Konjunktur, um die
drupa 2004 zum Erfolg werden zu lassen. Überspitzt gefragt: Ist damit
Printkommunikation nur eine Schönwetter-Angelegenheit? Heißt „Passion
for Print" nicht gerade auch, durch die Kommunikation mit Drucksachen
beitragen, die Wirtschaft aus der Krise zu führen?

BERNHARD SCHREIER: Zum letzten Punkt: Genau das ist unser Anliegen. Ich
warne allerdings davor, die drupa „an sich" als Alleinheilmittel zu
sehen. Wir müssen als Industrie kontinuierlich und damit losgelöst von
Großereignissen im Sinne unserer Kunden agieren und Hilfe,
Unterstützung, Beratung und Produkte anbieten. Für uns ist die drupa
2004 eine der ganz wichtigen Messen, nicht mehr und nicht weniger.

Soweit Bernhard Schreier.


UNSERE EINSCHÄTZUNG:

Der ersehnte Befreiungsschlag bei Heidelberg kann bislang nur auf
Absichtserklärungen beruhen, ohne konkrete Ergebnisse und
Vertragsabschlüsse. Fakt ist gleichzeitig: Der Kostendruck wird weiter
steigen, bei weiter sinkenden Umsatzpotenzialen und äußerst
schwierigeren Markt- und Wettbewerbsverhältnissen. Das Unternehmen hat
durch die Management-Initiative der „Neuausrichtung auf das Alte" zwar
Großaktionär RWE und einige Finanz-Analysten vorerst zufrieden gestellt
(denn beide Parteien sind froh, dass endlich etwas in Bewegung kommt
und unternommen wird!). Eine sinnvolle Lösung zeichnet sich noch nicht
ab, vieles scheint bei Heidelberg derzeit Fliehkräften ausgesetzt, die
eine kaum kontrollierbare Eigendynamik entwickeln. Das demotiviert
engagierte Mitarbeiter und Kunden von Heidelberg gleichermaßen. Vor
diesem Hintergrund steht das Engagement von Heidelberg im Zukunftsmarkt
Digitaldruck unter keinem glücklichen Stern.

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