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Newsletter vom 29.12.2003, 10:17 UhrKommunikation macht Weihnachts-Pause
Gedanken zum Jahresausklangvon Andreas Weber
"Nachts schlafen die Ratten doch." - Diese Nachkriegs-Kurzgeschichte
von Wolfgang Borchert, damals gelesen in der Schulzeit, kommt mir in
den Sinn. Ein Mann will mit diesen Worten einen neunjährigen Jungen
beruhigen, der Tag und Nacht, völlig erschöpft, seinen in den Ruinen
verschütteten kleinen Bruder bewacht. - Mit Blick auf das aktuelle,
tragische Geschehen im Iran fröstelt es mich. - Doch das "Verschüttet
sein" hängt nicht nur mit der brutalen Physik der Erdplatten zusammen.
Borchert spricht eine Metaebene an, oder? Vielschichtig. Und doch
gradlinig. Was könnte die Botschaft sein? Vielleicht: Wenn wir uns der
Realität stellen, brauchen wir Fantasie und Kreativität, um den harten
Fakten des Lebens unbeschadet zu entfliehen. Tun wir es nicht, werden
wir selbst verschüttet, psychisch, moralisch, emotional, physisch. -
Gibt es deswegen das Weihnachts- und Neujahrsfest?
Gerade stöbere ich im Web, durchforste neugierig diverse Websites,
erfreue mich am ideenreichen, originellen Adventskalender unter
www.merkwuerdig.com. Dann, man kann es ja nicht lassen,
durchforste ich rasch, auf der Suche nach Neuigkeiten und geistvollen
Anregungen, die Online-Sites unserer Kommunikationsfachpresse.
Weihachten ist bekanntermaßen ein Fest der Kommunikation, geht mir
durch den Sinn. Miteinander reden, Zeit haben, sich austauschen. Es
bieten sich doch viele spannende Themen, abseits der Alltagshektik.
Doch was entdecke ich? Da heißt es zumeist, unisono, schnöde, lieblos:
"Die Website ist natürlich auch während der Feiertage in Betrieb,
zwischen 23.12. und 2.1. werden die Meldungen aber nicht
aktualisiert... Ab 5.1. sind wir wieder für sie da... Frohe Weihnacht!
... Guten Rutsch!"
Hoppla. Tut sich denn nichts in unserem Metier? Stoppt die
Kommunikation an Feiertagen? Muss man sich etwa noch freuen, dass der
Web-Server nicht komplett abgestellt wurde, um eventuell Strom zu
sparen?
Aber es kommt noch besser. Auf einer konkurrierenden Website wird mit
Weihnachts-Engelszungen als Zeitvertreib ein Online-Spiel angeboten, im
Kampf gegen den Büroschlaf, genannt Xmas Sabotage! Wie sinnig, denn der
Schlaf zwischen den Jahren ist ja bekanntlich der gesündeste. Und was
sollen wir gestresste Kommunikationsprofis schon mit Gesundheit
anfangen... Recht so! Das muss man sabotieren! Ha ha ha...
Gerade will ich mich weiter über solchen Ungeist empören, da kommt mir
in den Sinn: Hätte das Wolfgang Borchert gewusst, er würde sicher eine
neue Kurzgeschichte verfasst haben wollen. Arbeits-Titel: "Nachts wie
Tags - zum Jahresende schlafen die Fach-Medien doch." Und wenn die
Fach-Medien schlafen, kann doch eigentlich nichts passieren in der
Kommunikationsbranche. Das ist schon tröstlich, gell?
Ach, liebe Chefredakteure der Kommunikationsbranche, nehmt Euch doch
einen wie Borchert zum Vorbild. Dann hättet Ihr auch zum Jahresende
noch geistvolle Themen, die man aktuell im Web publizieren könnte. Wie
heißt es im Drama "Draußen vor der Tür": "Gibt denn keiner Antwort? -
Gibt keiner Antwort??? - Gibt denn keiner, keiner Antwort ???"

