Know-How-Box
With or Without you - Dokumentation DDF Congress November 2009
Der DigitaldruckForum Congress am 24. November 2009 in Mainz zeigte, wie die Balance von Kreativität und Technologie wieder ins Lot kommt: Indem man Vorurteile über Bord wirft und sich annähert. Innovationen wie beim Digitaldruck haben dabei großen Einfluss.
Klaus-Peter Nicolay, 04. Dezember 2009
Ungewöhnliches Entrée bei einer Kommunikations-Fachveranstaltung:Value CEO Andreas Weber eröffnete den DigitaldruckForum Congress ›Ideas for Profit‹ in der Gutenbergstadt-Mainz mit einem persönlichen Erlebnis. Am 13. September 2009 nahm er als Gast der Xerox Corporation am 360-Grad-Eröffnungskonzert der Rockband U2 in Chicago teil. Bono und seine drei Kollegen zeigten, wie man auch nach Jahrzehnten noch innovativ, kreativ und erfinderisch sein kann, um das Unterhaltungsformat ›Live-Konzert‹ neu zu erfinden. Die Musik blieb wie sie war, alles andere war neu!
Im ausverkauften Soldier Field Stadion stand die elipsenförmige Bühne in der Mitte, umgeben von Brücken und einem zweiten Ring, der ins Publikum führte.
Gekrönt wurde die Bühne von einer spinnenartigen Konstruktion, mit riesigem Lichtmast und einer neu entwickelten, umlaufenden Projektions-Fläche, die von allen Seiten Videoeinspielungen zugänglich machte. Diese bestanden aus Live-Bildern der Bühnensituation im Mix mit Einspielungen, die in Echtzeit von der Regie zu aussergewöhnlichen Musikvideo-Clips komponiert wurden.
Das in der Qualität kaum zu übertreffende Sound-System bestand aus vier gigantischen
Lautsprecher-Gürteln, so dass Töne, Gesang, Lichtarchitektur, Bühnengeschehen und Projektionen zu einem einzigartigen, emotional aufgeladenen Kommunikationserlebnis führten. Damit nicht genug: U2 brillierte auch in der Kommunikation der 360-Grad-Tournee durch Nordamerika. Beim Abschluss-Konzert am 25. Oktober wurden nicht nur die knapp 100.000 Konzertbesucher bedacht. Zum aller ersten Mal wurde ein solches Mega-Konzert live über YouTube übertragen. 10 Millionen Menschen schauten zu. Nochmals fast 5 Millionen sahen sich die Aufzeichnung innerhalb der nächsten acht Tage auf YouTube an, zusätzlich angesprochen durch zahllose Fan-Blogs.
Und in der eigenen U2-Sektion auf Youtube wird auch das Making-Off des 360-
Grad-Tourneeprojekts im Video gezeigt. Darin fasst Bono zusammen, worauf es
dem Vier-Mann-Unternehmen ankommt und wodurch globale Strahlkraft in Kombination
von Musik und Kommunikationstechnologie Millionen Fans in den Bann zieht, die auch ihre eigenen Impressionen veröffentlichen:»To make it a really small intimate affair, that’s the magic trick!«.
Und: »Surprise your audience!«
U2 kann es! Und wir?
Parallel zum U2-Konzert fand vom 11. bis 16. September
in Chicago – keine Meile vom Konzert-Schauplatz entfernt – die
Fachmesse Print 09 statt. Die Veranstalter hatten sie zeitgeistmäßig ›MyPrint
09‹ getauft. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass dies wohl ironisch gemeint
sein musste, denn die Messe hatte zwar viele Aussteller, aber kaum Besucher
und Publikum. Pro Stunde waren im Schnitt nicht einmal 450 Besucher da, wenn man die Gesamtbesucherzahlen von 18.000 auf die Öffnungszeit und Dauer umrechnet.
Bono widmete (en passant) den MyPrint-Messeveranstalter zwei Lieder: ›With or without you‹ und ›I still haven‘t found what I am looking for.‹ Und der Leadsänger von U2 lieferte damit auch ein passendes Kongress-Motto für die Veranstaltung in Mainz, um darauf hin zuweisen, dass die Anforderungen von Markt und Kunden offenbar nicht getroffen werden.
Denn die bis an die Zähne mit Technik und Maschinen bewaffnete Kommunikations- und Medienproduktionsbranche kann ihre Kunden viel zu wenig begeistern, motivieren oder emotionalisieren. Und sie kann wohl nicht so gut kommunizieren wie U2. Sonst wären, bei Ausstellerinvestments von insgesamt mehr als 500 Millionen Euro (!), wohl mehr als nur ein paar wenige ›people‹ zur MyPrint 09 gekommen.
Nun ist ein U2-Konzert eine Sache, die Messe in Chicago eine andere Sache und
das Desinteresse der amerikanischen Drucker an der Messe wiederum etwas
anderes. Und schließlich ist der in der Wirtschaftskrise wohl völlig zusammengebrochene
Druckmarkt in den USA nochmals ein anderes Thema. Denn gerade der Digitaldruck-affine Markt in den USA war bislang für das digitale Druckverfahren eine Art Schrittmacher. Vor allem aber kamen immer hoch interessante Prognosen und Zahlen aus den Staaten.
Digitaldruck ist IT – und nebenbei auch Druck
Die präsentierte auch Bertram Störch, Marketing Manager bei HP, in seiner Key-
Note. Danach sollen 200 Milliarden Offsetseiten durch den Digitaldruck substituiert werden. Mit anderen Worten: Der kleinformatige Offsetdruck verliert gegenüber
dem Digitaldruck. Denn bei diesem Druckvolumen geht es nicht nur um
personalisierte Drucksachen, sondern auch um statische Seiten. Diese Prognose
und ein rechnerisches Wachstum von 6% für den Digitaldruck in den nächsten Jahren
sollte dem Digitaldruck eigentlich Mut machen. Zumal, wie Bertram Störch
anmerkte, »verbesserte Kostenstrukturen der digitalen Drucksysteme erhebliche
Vorteile gegenüber klassischen Techniken und Workflows generieren.«
Gleichzeitig zeigte Bertram Störch den Trend auf, dass sich druckbare Inhalte
verdreifachen. »Das sind zum Teil neue, digitale Inhalte, die verarbeitet werden.
Dabei kann der Digitaldruck punkten. Denn Digitaldruck ist in erster Linie Informations-und erst in zweiter Linie Drucktechnologie.«
Doch ganz gleich, welche Zahlen auch immer über den Offsetdruck und Digitaldruck
unterwegs sind, steht eines fest: Der Digitaldruck ist ein quicklebendiger
Teil der Kommunikationsindustrie mit einer schier unendlichen Vielfalt an Möglichkeiten.
Da ist Bewegung drin, es wurden unglaublich viele und interessante Ideen geboren – doch wie sag ich’s meinen Kunden?
Ein Mehr an Unterstützung
Eine Antwort darauf gab Garry Nelson, der die anwesenden Kollegen ermahnte,
dass es beim Drucken eben nicht um die Maschinen geht, sondern darum, wie
man sie nutzt. Dies sieht auch Thilo Reichert, Geschäftsführer der ORT-Tochter RheinMail (siehe auch den Beitrag auf Seite 32) so:
»Man darf nicht Print verkaufen, die Kunden verlangen nach Lösungen.« Dazu
gibt es Mittel und Wege. Unter anderem mit der von ORT geschaffenen Mediadatenbank
Management Cockpit. Mit diesem System lassen sich Kampagnen begleiten, steuern und kontrollieren und schließlich auch – fast schon als »Abfallprodukt« – Drucksachen erstellen. Der Vorteil für den Kunden ist dabei das »Mehr an Unterstützung« für seine umfassenden Prozesse. Denn viele Kunden benötigen längst nicht mehr nur eine Drucksache, sondern wollen bei kompletten Kampagnen unterstützt werden.
Auch Michael Stickel erinnerte in seinem Vortrag daran, dass Print nicht mehr das
einzige Medium ist. Aber Print – ganz gleich, ob Offset- oder Digitaldruck –
strahle nach wie vor eine enorme Faszination aus, wie der GWA Production
Award jährlich mit exzellenten Printproduktionen zeige (siehe auch Seite 14).
Dabei kommen zunehmend auch crossmediale Anwendungen zum Zuge. Franziska
Müller, DirectSmile, erläuterte in diesem Zusammenhang die Lösungen
des Berliner Unternehmens und machte in ihrem brillianten Vortrag die unterschiedlichen
Merkmale von Bildpersonalisierungen, Direct Mails und crossmedialen
Anwendungen deutlich.

Angeregte Gespräche zwischen den Präsentations-Slots
Web meets Print
Weit mehr als ein »Abfallprodukt« ist eine neue Lösung für den Digitaldruck, die
die Online-Enzyklopädie Wikipedia seit Anfang des Jahres bietet. So besteht nun
die Möglichkeit, sich aus vorhandenen Einträgen ein individuelles Nachschlagewerk zusammen zu stellen. Dieseskann dann entweder kostenlos als e-Book im PDF- oder OpenDocument-Format heruntergeladen oder in Buchform bestellt werden.
Realisiert wird das Ganze vom Mainzer Start-up PediaPress. »Durch unsere Kooperation mit der Wikimedia können die User nun die Vorteile aktuellen und detaillierten Wissens mit dem Komfort eines gedruckten Buches kombinieren. Basierend auf der gewünschten Artikelauswahl werden die Bücher on demand gesetzt und gedruckt«, erläuterte PediaPress-Geschäftsführer Heiko Hees. Die individuelle Wikipedia-Druckausgabe sei bereits ab einem Preis von 7,99 Euro zu bekommen.
Wer Interesse an einer persönlichen Wikipedia-Ausgabe hat, kann sich aus dem
Fundus von Artikeln seine eigenen Inhalte zusammensuchen. Auf der Wikipedia-
Webseite wurde in der Navigationsleiste am linken Bildschirmrand ein neuer
Bereich »Buch erstellen« hinzugefügt. Bevor der Auftrag zum Druck an PediaPress
geht, habe der User die Möglichkeit sein zusammengestelltes Werk noch ein mal
zu begutachten. »Der Nutzer braucht dann nur noch Titel und Untertitel seiner
persönlichen Enzyklopädie angeben und das Buch ist komplett«, so Hees.
Der Preis für die individuelle gedruckte Wikipedia-Ausgabe hängt vom Umfang
des Buches ab. »Die Kosten eines Buches sind abhängig von der Seitenanzahl
sowie vom Basispreis. Die ersten 100 Seiten kosten 7,99 Euro, weitere 100 Seiten
kosten jeweils drei Euro«, so Hees. Die maximale Obergrenze des Buchumfangs
liegt bei 828 Seiten. »Neben Texten können auch Grafiken und Bilder in das eigene
Nachschlagewerk auf genommen werden, die jedoch nur Schwarzweiß dargestellt
werden können«, merkte Hees an. (www.pediapress.com)
Bücher via Web-to-Print
Ohnehin scheint das Thema »Buch« die Fantasie vieler Digitaldrucker und Verlage
zu beflügeln. Die Anwendungen reichen von personalisierten Booklets (siehe auch Seite 17) über individuelle Fachpublikationen (siehe Seite 30) bis hin zum persönlich zusammengestellten Kochbuch.
Dabei geht beispielsweise der Verlag Gräfe + Unzer den Weg der Zweitverwertung: in einem Internet-Portal (www.kuechengoetter.de) lassen sich Rezepte zu Büchern zusammenstellen, die dann bei der Buchbücher.de AG digital gedruckt werden.
Dabei spielen die Internet-Portale und vor allem auch Web-to-Print-Lösungen
eine erhebliche Rolle, wie Volker Mohr, Hiflex, und Klaus Nürrenberg von Print-
Plaza erläuterten und vorführten. Dass diese Lösungen nicht mal ebenso nebenbei
geschaffen werden können, sollte jedem klar sein, der sich damit beschäftigt.
Denn auch wenn leistungsfähige Lösungen zur Verfügung stehen, verlangt
die Konzeption noch immer konzentriertes und systematisches Vorgehen.

Mit modernster Präsentationstechnik, einer Live-Schaltung zum Kunden und einer praxisgerechten Demonstration der Oris-Software beeindruckte Heiner Müller das Publikum des DDF Congress in Mainz.
Moderne Printproduktion
Printkommunikation in hoher Qualität und in anspruchsvollen Märkten – so das
Thema von Heiner Müller, CGS, der es verstand, via Videokonferenz, Datenübertragung,
Telefon, Internet etc. den Besuchern des Kongresses die Möglichkeiten
moderner Printproduktion näher zu bringen. Die Lösungen von CGS dienen
allesamt dazu, Zeit und Kosten einzusparen und den Prozess schlanker und
für den Kunden einfacher zu machen. Apropos moderne Produktion: Heiko
Jahn, InfoPrint Solutions, der sich mit dem Thema Transaktionsdruck und
Transpromo beschäftigte, machte deutlich, dass der Digitaldruck für unterschiedliche
Unternehmen auch verschiedene Zeithorizonte hat. Was für den einen bereits Vergangenheit ist, ist für den anderen Gegenwart oder vielleicht erst Zukunft.
In diesem Sinne war der Mainzer Kongress mit Sicherheit eine echte Bereicherung
für die Teilnehmer. Und sollte auch Geschmack gemacht haben auf die kommenden
Veranstaltungen in 2010.

